Das Gebet der Heiligen.
Orthodoxe Spiritualität heute Impulsreferat für einen orthodoxen Gesprächskreis auf dem Katholikentag in Münster, 11.5.2018

von p. Martinos Petzolt

Beten mit den Heiligen

Wer eine orthodoxe Kirche irgendwo auf der Welt betritt, findet sie von oben bis unten und überall bemalt oder zumindest überall behängt mit Ikonen. Vor allem fällt ins Auge, dass unmittelbar über den Sitzen der Gläubigen an den Wänden des Kirchenschiffes Heiligenportraits zu sehen sind. Gewissermaßen direkt über den versammelten Gläubigen und rund um sie in der zweiten Reihe sind die Heiligen präsent. Das Volk Gottes versammelt sich in der Kirche zum Gottesdienst und um sie herum versammeln sich auch die Heiligen. Das ganze Volk Gottes versammelt sich eben, und das sind nicht nur die anwesenden Beter, sondern alle, auch diejenigen Abwesenden, für die die Gläubigen am Kircheneingang eine Kerze angezündet haben um ihrer zu gedenken, aber auch alle Verstorbenen, die ebenfalls zur Kirche gehören und derer die Gläubigen gedenken. Und in diesem Kosmos der Verstorbenen befinden sich auch die bekannten und unbekannten Heiligen.

Man könnte es auch umgekehrt formulieren. Zu den Engeln und Heiligen, die den ewigen Lobpreis Gottes vollziehen, gesellen sich die Gläubigen hinzu, um mit den Engeln und Heiligen das Dreimal Heilig zu singen (Jes 6,3). Als eine hohe Ehre und ein Vorgeschmack auf das himmlische Königreich, so sollten wir die Liturgie verstehen, wenn wir in das Gebet der Heiligen mit einstimmen.

Beten zu den Heiligen

Wenn die Gläubigen die Kirche betreten, gehen sie zunächst zu verschiedenen Ikonen, um sich vor ihnen zu bekreuzigen und sie zu küssen und bei manchen auch ein Kerzlein anzünden. Sie begrüßen gewissermaßen die auf den Ikonen abgebildeten Heiligen genauso wie auch manche ihre Sitznachbarn in der Kirche mit Küsschen begrüßen. Hier zeigen sich Ehrfurcht und Frömmigkeit, aber auch Freundschaft und Liebe, eine Vertrautheit mit den Heiligen im täglichen und alltäglichen Umgang. Genauso hat ein Gläubiger auch keine Scheu, die Reliquien der Heiligen zu küssen, wenn sie zur Verehrung ausgestellt werden. So wie man jeden Freund begrüßt und küsst, auch zum letzten Kuss vor der Beerdigung, so kann man auch den Leib eines geliebten Heiligen küssen, denn nicht nur die Seele, auch der Leib ist, wie Paulus sagt, Tempel des Heiligen Geistes (1Kor 6,19), der in der Taufe geheiligt wurde und im asketischen heiligmäßigen Leben

Das Gebet zu den Heiligen ist für uns Orthodoxe sehr vertraut. Natürlich wissen wir, dass die Anbetung Gott allein gebührt, natürlich wissen wir, dass unser einziger Mittler zum Vater Christus ist (1Tim 2,5), und natürlich wissen wir, dass wir direkt zum Vater sprechen dürfen: Vater unser. Aber genau dies ist das Stichwort: Vater unser. Nicht „Mein Vater“. Als Gemeinschaft, als Kirche beten wir zum Vater, gemeinsam miteinander und gemeinsam füreinander. Deshalb ist das Fürbittgebet die authenische und ursprüngliche Form des Betens. Hier zeigt sich die Gemeinschaft, die Geschwisterlichkeit, das Familiäre der Kirche, und keiner kommt zu kurz, wenn wir wechselseitig beten. Im Vater unser heißt es ja weiter: Dein Wille geschehe. Wenn Christen füreinander beten, ist dieses Gebet viel eher frei von Egoismus, als wenn wir für uns selber beten würden, weil wir uns so gegenseitig dem Willen Gottes unterstellen und nicht schon von vornherein wissen, was Gott zu machen hat entsprechend unseren Vorstellungen, was für uns und unser Heil gut sei. Aber auch diese Gemeinschaft des füreinander Betens, der Fürbitte, beschränkt sich nicht auf unsere Nachbarn, sondern auf die ganze weltweite Kirche, zu der auch die Verstorbenen gehören, für die wir beten, dass Gott ihnen vergeben möge, ihnen gnädig sei und ihnen die Ruhe schenke. Und dazu gehören auch die Heiligen, die zu deren Lebzeiten für die Menschen gebetet haben und es auch jetzt tun.

Gebet der Heiligen

Wir beten zu ihnen, dass sie für uns bitten. Das ist keine Vermittlung, sondern Ausdruck einer Gebetsgemeinschaft und der Ausdruck der Dankbarkeit, dass wir aufgrund der Fürbitten anderer leben. Unsere Gottesdienste enden mit dem Satz: Auf die Gebete unserer heiligen Väter, Herr Jesus Christus, Gott, erbarme dich unser und rette uns. Aufgrund und durch die Fürbitten und Gebete der Heiligen leben wir und sind wir dankbar. Es ist auch eine gewisse Form der Demut und Bescheidenheit, dass wir unser Leben und unser Wohlergehen nicht uns selbst verdanken, auch nicht unseren schwachen eigenen Gebeten, sondern den Gebeten anderer, vor allem der Heiligen. Das gilt für alle, für heilige Frauen und Männer, für geistliche Väter und geistliche Mütter.

Die Gebetsformel zum Schluss aller Gottesdienste hat allerdings einen konkreten Hintergrund und Rahmen, denn sie bezieht sich auf die heiligen Hierarchen, angefangen von den Aposteln bis zum kleinen Dorfpfarrer. Denn sie sind es, die dem Gebet der Gläubigen vorstehen, es sammeln und stellvertretend für das Volk vor Gott bringen, die die Sakramente vollziehen und die Segnungen spenden. Die Sakramente und Segnungen ermöglichen unser geistliches Leben, die Gesundheit von Leib, Seele und Geist. Diese gottesdienstliche Gemeinschaft aller Gläubigen im gemeinsamen Gebet und in der gemeinsamen Verherrlichung Gottes soll diese Gebetsformel realisieren.

Heiligkeit der Heiligen

Heilig ist Gott allein, dem wir singen: Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser. Vor der Kommunion gibt es den Ausruf: „Das Heilige den Heiligen“ mit der einzig wahren Antwort: „Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus, in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters.“ Aber auch die Empfänger der heiligen eucharistischen Gaben als Heilige zu bezeichnen, ist wahr. Wer am Heiligen Anteil hat, wird selbst geheiligt, und wer der Heiligung würdig ist, ist selbst heilig. Das meint der Apostel Petrus, wenn er das Buch Levitikus (19,2) zitiert: „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1Petr 1,16). Und auch Paulus hat kein Problem, die Getauften als Heilige zu bezeichnen (Hebr 13,24), die geheiligt wurden durch Wasser und Heiligen Geist.

Tragisch nur, dass unsere konkrete Lebenssituation weit entfernt ist von dieser gottgeschenkten Heiligkeit, dass Ideal und Realität so weit auseinanderklaffen. Aber daran können wir jeden Tag arbeiten. Und wir haben Beispiele, ungezählte Beispiele des Gelingens dieser Entsprechung von Anspruch und Wirklichkeit, von sakramentaler Gnade und Lebenswirklichkeit in den Heiligen unserer Kirche, die Beispiel und Richtschnur christlichen Lebens sind. Unsere Kirche hat auch zahlreiche Heilige, die in unserer Generation gelebt haben. Viele haben sie persönlich erlebt dürfen, vielen haben sie geholfen, ja sie sogar als geistliche Väter und Mütter begleitet, und zahlreiche Wunder sind auf ihre Fürbitten hin geschehen. Die Realität der Heiligkeit ist keine Theorie oder Ideologie, sondern erlebbar. Deshalb sehen die Gläubigen die Ikonen von Heiligen auch nicht als Bilder historischer Personen, sondern so, wie sie heute in der Herrlichkeit Gottes leben und uns nahe sind. Die Heiligen sollen auf den Ikonen also in ihrem Aussehen, wie sie vielleicht von Photos bekannt sind, zwar erkennbar bleiben, aber nicht naturalistisch wie ein Portrait oder eine historische Photographie dargestellt werden, sondern den Gläubigen so begegnen, wie sie heute in der Herrlichkeit Gottes und ihrer Heiligkeit leben.

ΠΡΟΝΟΜΙΑ
Bonus Karte
Αγγελίες