Erste Gastarbeitergeneration

Jung waren die Griechen, die vor 50 Jahren auf Gesundheit und Arbeitstauglichkeit von kritischen Ärzten geprüft auf eine ungewisse Reise geschickt wurden. Die alten Eisenbahnen aus Griechenland über den Balkan endeten in München, von dort aus wurden die Gastarbeiter weiterverteilt. Mit einem oder zwei Koffern in den Händen standen sie nun in einem fremden Land mit schwieriger harter Sprache bei Menschen, die noch vor 20 Jahren Kriegsgegner gewesen waren und unvorstellbare Greueltaten in griechischen Dörfern verübt hatten. Auch jetzt waren diese Deutschen wieder Chefs, Vorarbeiter, Schichtführer, die die ungelernten Arbeitskräfte mit falschen Namen kommandierten, weil ihnen die griechischen zu schwierig erschienen. Solch eine Entwurzelung und solch ein Ausgesetzt sein in der totalen Fremde konnten die jungen Griechen wohl nur auf sich nehmen, weil sie die Reise nur als Episode in ihrem Leben ansahen, als ein Abenteuer für ein paar Monate oder auch Jahre, so wie es ihr Zeitvertrag vorsah. Glücklicherweise waren sie auch nicht allein, sondern mit anderen Schicksalsgenossen zusammen in Baracken eingepfercht. Aber die Heimat war weit weg und Briefe dauerten lange, wobei manchem auch das Schreiben nach nur kurzem Schulbesuch im griechischen Bergdorf schwer fiel. Heute, wo jeder mindestens ein Handy in der Tasche hat, ist es kaum mehr vorstellbar, wie in den griechischen Dörfern oft nur auf der Poststation ein Telephon verfügbar war und alle dorthin kommen mussten, um ein seltenes Gespräch mit den in die Ferne Gezogenen zu führen. Aber wer dachte schon an Kommunikation, wo es doch darum ging, den völlig unbekannten Industriealltag zu überstehen und zu überleben. Lange Schichten mit Lärm und giftigen Abgasen, unverständliche Befehle und fremde Kollegen aus verschiedenen südeuropäischen Ländern, Erholen und Schlafen unter primitiven Bedingungen, ungewohnte Nahrung, trübes Wetter. Und schließlich wollte auch niemand unnütz Geld ausgeben, sondern möglichst alles heimschicken, denn wegen der Not und der Perspektivlosigkeit waren sie in die Ferne gezogen, um die Familien zu unterstützen und für die eigene Zukunft eine Basis anzusparen. Wie schön war es da, wenn etwa anlässlich eines Namenstages griechisch gekocht wurde und Heimatlieder erklangen in einer Zeit vor Kassettenrekorder und mp3, wenn gelegentlich ein Priester in die Barackensiedlung zur Liturgie im Gemeinschaftsraum kam, oder einmal im Jahr viele Busse alle Griechen zu einem großen Fest an einem Ort zusammenbrachten. Dann bekamen die abgeschnittenen und fast vertrockneten Wurzeln ein wenig Nahrung um bis zu der nächsten Heimfahrt in den Betriebsferien zu überleben.

Jeder Mensch versucht sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, auch wenn sie ihm nicht gefallen, und er ist bemüht, sich dort, wo er sich befindet, einigermaßen einzurichten. Niemand kann sich nur in ständiger Nostalgie oder Trauer über die verlorene Heimat ergehen. Ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen, wird er Nebentriebe und auch neue Wurzeln schlagen. Als die Arbeitsverträge verlängert wurden, der Lohn sich allmählich erhöhte, die schwere Arbeit gewohnter wurde, die fremde Sprache ein wenig lockerer über die Lippen ging und vielleicht auch die gröbste finanzielle Not der Familien in der Heimat überwunden war, begann manch einer, sich ein wenig weiter umzusehen, Freundschaften zu knüpfen, eine andere Wohnung zu suchen, auf ein Auto zu sparen, selbständiger zu werden, ein Leben außerhalb der Fließbandarbeit und Wohnbaracken zu suchen. Ehen wurden geschlossen, Kinder getauft, Feste gefeiert und Ausflüge gemacht. Mit dem Erlernen der deutschen Sprache, den Kontakten und Freundschaften, dem Wohnen Tür an Tür mit Deutschen begann allmählich und meist wohl auch ungewollt eine neue Einwurzelung in eine zweite Kultur und Welt, im Kontrast und in Ergänzung der keineswegs abgeschnittenen eigentlichen griechischen Wurzeln. Gleichzeitig wurde auch die deutsche Kultur bereichert – und zwar nicht nur die Esskultur -, zumal während der Junta-Regierung in Athen viele Kulturschaffende nach Deutschland flüchteten und hier auf eine neugierige und aufgeschlossene deutsche Jugend trafen.

Zweite Generation

Trotz aller großen Opfer der ersten Gastarbeitergeneration, die mit nichts als einem Koffer ein neues Leben in der Fremde aufzubauen versuchten, hatte es die zweite Generation, also deren Kinder vermutlich noch erheblich schwerer. Ohne tiefe Wurzeln im traditionellen Griechenland schlagen zu können wuchsen sie zwar in griechischen Familien auf und gingen möglicherweise auch in griechische Schulen, aber ihr gesamtes Umfeld ihrer Lebens- und Erlebniswelt war deutsch geprägt. Griechisches Fernsehen war in der Ferne noch nicht empfangbar und auf der Straße unter allen Kindern aus vielen Nationen wurde untereinander deutsch gesprochen. Das beengte Zuhause hingegen war nicht unbedingt ein Ort zum Wurzeln schlagen, die Eltern waren bei der Arbeit oder ruhten sich von der Schicht aus und mussten die Kinder sich selbst überlassen. Griechenland war nur Urlaubsland in den Sommerferien bei den Großeltern.

Oder aber, die Kinder wurden ab dem Schulalter zurück nach Griechenland zu Verwandten geschickt und verloren, um ihre griechischen Wurzeln zu erhalten, die familiären. Allerdings hatte sich Griechenland durch Tourismus und Europäisierung schon längst selbst sehr verändert, für die Griechen in der Heimat ein vielleicht unbemerkter Prozess, aber für die in die Ferne Gegangenen sehr auffällig, denn für sie hatte Griechenland in ihrer Erinnerung immer noch dasselbe Gesicht wie damals, als sie es verlassen hatten. Eine reiche Literatur ist zu diesem Thema, vor allem aus der Perspektive der Kinder, entstanden, und viele Aspekte sind hier zu entdecken. Wahrscheinlich war in dieser zweiten Generation die Entwurzelung am stärksten und die Einwurzelung am schwierigsten. Denn auf der einen Seite waren die traditionellen Strukturen und Lebensweisen in Griechenland schon längst in die Krise der Moderne gekommen, auf der anderen Seite wurde es den Griechenkindern auch von deutscher Seite nicht leicht gemacht, wenn sich die Deutschen von ihnen absetzten, so dass sich die Kinder weniger als Griechen denn als Ausländer empfanden und es ihnen schwer gemacht wurde, in deutschen Freundeskreisen einen Platz zu finden.

Griechische Verwurzelung zeigt sich allerdings keineswegs nur in der Beherrschung der griechischen Sprache, auch nicht in den Kenntnissen der traditionellen Tänze, auch nicht in der Wahl des Fußballvereins, sondern vor allem in der Art und Weise des Lebens, Empfindens und Denkens, welches sich im philotimo zeigt. Gerontas Paisios hat immer wieder darauf hingewiesen, dass dieses philotimo den echten Griechen auszeichnet und im orthodoxen Glauben gründet.

Dritte Generation

Wie die dritte Generation der Griechen in Deutschland ihre Wurzeln findet und ausbildet und welches die Aufgaben für die Zukunft sind, soll in der nächsten Ausgabe überlegt werden.