image descriptionPapisten?

“Sind wir nicht alle ein wenig Papisten?” Diese provokante Frage kann sich häufig stellen, wenn man in manchen orthodoxen Zeitschriften blättert oder am Bildschirm durch die Beiträge in Blogs und Internetforen scrollt, insbesondere wenn es um den Ökumenischen Patriarchen geht. Die Häme und Polemik lässt oft jede Spur von christlicher Liebe, ganz zu schweigen von Achtung und Ehrfurcht, vermissen und ist nicht nur oft maßlos und ungerecht, sondern auch sachlich falsch. Es soll hier aber jetzt nicht um den Ökumenischen Patriarchen gehen, sondern um jeden selbst.
Hierarchen
Zunächst aber ist ganz banal festzustellen, dass der Ökumenische Patriarch kein Papst ist. Er hat weder universale Jurisdiktionsgewalt noch ist er unfehlbar und vor allem nicht sündenfrei. Er ist Bischof des Erzbistums von Konstantinopel und damit Patriarch der Kaiserstadt und des im fünften Jahrhundert bekannten und unbekannten Restes des Erdkreises (= Oikoumeni), der nicht unter den anderen vier Patriarchaten verteilt war, weshalb er den Titel „Ökumenischer Patriarch trägt“. Damit ist er weder Patriarch aller Orthodoxen noch östlicher Patriarch. Ehrenoberhaupt der Orthodoxen ist er in sofern, als er von allen Orthodoxen der Welt geehrt und geachtet wird und er selber durch den Rang der Patriarchats von Konstantinopel der Vorsitzende der Synaxis (Zusammenkunft) aller orthodoxen Oberhäupter ist. Und auch innerhalb seines Jurisdiktionsbereiches hat er keine unabhängige Autorität, sondern leitet die Synode des Ökumenischen Patriarchats, die alle Beschlüsse gemeinsam berät und fasst.
Den westlichen Medien würde ein östlicher Papst mit allem Glanz gefallen, aber der Ökumenische Patriarch wie überhaupt das gesamte Patriarchat zeichnet sich durch Bescheidenheit und Einfachheit aus. In der Amtszeit des Patriarchen Bartholomaios ist es zu einem fast zu einem Kloster geworden, in dem gemeinsam Gottesdienst gefeiert, gegessen, gearbeitet und gewohnt wird mit einer Effektivität, die ihresgleichen sucht.
Leicht übersehen wird, dass das Ökumenische Patriarchat keine Nationalkirche ist, wodurch es sich von allen anderen autokephalen Kirchen unterscheidet und in diesem Sinne einmalig ist. Es trägt Verantwortung für viele Nationen mit vielen Sprachen. Das ist im Grunde auch nicht neu, denn auch das byzantinische Reich war kein Nationalstaat, die Verbindung der verschiedenen Völker war der eine orthodoxe Glaube in dem einen Kaiserreich der Rhomäer oder Römer. Als Rhomäer konnte jeder dazugehören gleich welcher Hautfarbe und Herkunft. Mit dieser weiten Perspektive konnte das Patriarchat die Fremdherrschaft und Bedrängung im osmanischen Reich überstehen und eine Weitsicht entwickeln, die auch heute zeitliche und räumliche Grenzen übersteigt und die sich von der engen Sicht der orthodoxen Nationalkirchen und ihrer Nationalinteressen oft sehr stark unterscheidet. Angesichts dieser Weitsicht erscheint manche Kritik, so berechtigt sie auch zunächst erscheint, kleinlich und engstirnig. Es ist sicherlich die Schule von Chalki mit ihren großartigen Lehrern, aber auch die bedrängende Erfahrung des Einschnürtseins im türkischen Staat, die die Hierarchen Konstantinopels weit nach vorne blicken und offensichtlich in großen Zusammenhängen denken lässt.
Kritiker
Kritik ist eine sehr sensible Sache. Sie ist nicht verboten. Auch ein orthodoxer Christ läuft mit offenen Augen durch die Welt und benutzt seinen Verstand. Er ist nicht blind und macht aus schwarz kein weiß; es gibt keinen Gehorsam, der dazu zwingen könnte. Nicht einmal Patriarchen stehen über jeder Kritik. Jeder darf sich seine eigene Meinung bilden, auch zu Reden und Handlungen der Hierarchen. Aber wie in allen Beziehungen bleibt das Maß die Liebe und auch die Gerechtigkeit. Zur Gerechtigkeit der Kritik gehört die umfassende Kenntnis der Sachlage sowie der Hintergründe, was freilich oft schwierig ist und entsprechend vorschnelle Kritik verbietet. Und zur Liebe gehört die Achtung vor dem Amt und die Grundannahme, dass der Kritisierte genauso wie man selbst das Gute will und das Beste für die Kirche beabsichtigt, der er in Glaube und Liebe aufrichtig dient. Hier fangen oft schon die ersten lieblosen und ungerechten Unterstellungen an. Oder glaubt jemand tatsächlich, dass der Ökumenische Patriarch, der unter schwierigen Bedingungen die Orthodoxie in der Türkei hochhält, seine Kirche nicht liebt und nicht das Beste für sie will?
Wer kritisiert, stellt sich leicht über den Kritisierten. Man hält sich orthodoxer, treuer in der Tradition, glaubensfester. Und der Kritisierte ist Apostat, Verräter, Glaubensloser, Freimaurer, Feind der Orthodoxie. Welcher Hochmut. In mancher Internetdiskussion scheinen 120% Orthodoxe mit 155% Superorthodoxen zu streiten bis sich einer einmischt, der sich für 170% orthodox hält. So schaukeln sich endlose Diskussionen auf und enden in entsetzlichen Entgleisungen und maßlosen Unterstellungen. Natürlich ist jeder von sich selbst überzeugt und wird dadurch zu einem kleinen Papst, der seine eigene Meinung für absolut richtig und damit in gewissem Sinne unfehlbar hält, sich selbst als Verteidiger und letzte Säule der Orthodoxie.
Vielleicht soll die Kritik auch von den eigenen Fehlern ablenken, denn indem man den anderen hinunterzieht, erscheint man selbst in seiner Niedrigkeit höher. Wer aber den Patriarchen besser kennenlernen will, sollte ihm genau beim Zelebrieren der Göttlichen Liturgie zuschauen. Sehen und dann Reden. Eine Beschreibung dessen kann hier nicht geleistet werden. Aber soviel sei gesagt, dass sich zweifelos in der Innigkeit und Konzentriertheit auf das liturgische Geschehen der Beter und sein Glaube erkannt wird.
Mancher Heißsporn scheint von der Sorge getrieben, die Kirche sei in Gefahr und müsse gerettet werden. Durch wen? Fehlt der Glaube, dass die Kirche die Kirche Christi ist, auf dem Fels des wahren Glaubens erbaut, die die Pforten des Hades nicht überwältigen werden? Fehlt die Gewissheit, dass der Heilige Geist selbst in seiner Kirche wirkt? Fehlt die Gelassenheit, dass die Kirche, die alle Krisen, Häresien, Verfehlungen überstanden hat, auch weiterbesteht? Es gab die Räubersynode von Ephesos 449 oder die Ökumenische Synode von Hiereia 754, die sich als häretisch erwiesen, es gab sogar Kirchenunionen mit Unterwerfung unter den Papst durch Unterschriften von orthodoxen Hierarchen und dem orthodoxen Kaiser 1274 und 1439. Die Kirche ging nicht verloren und die Orthodoxie ebensowenig. Wer will sich so maßlos überschätzen, dass er der Retter der Kirche sei, der letzte wache Mahner, der Prophet, der die Katastrophe vorhersieht?
Propheten
Das gilt auch für die zahlreichen Endzeitpropheten auf Youtube und sonstwo im Internet, auch für solche im Rason. Wir kennen große heilige Propheten, vor allem den hl. Kosmas Aitolos, der im 18. Jahrhundert eine handvoll Prophetien, die sich zum Teil bereits erfüllt haben, mitgeteilt hat. Aber es waren nur einige Prophetien und die ohne genaue Detail. Heute kennen die Propheten im Internet Namen, Orte, Termine, Einzelheiten, die man von wirklich heiligen Propheten der Kirche nie gehört hat. Sind die selbsternannten Propheten heute heiliger als die Heiligen der Kirche? Und warum wird nicht endlich einmal über die zahllosen Prophetien der letzten Jahre und Jahrzehnte gesprochen, die nicht eingetroffen sind, die sich nicht bewahrheitet haben, die viele Menschen verwirrt und in Angst versetzt haben, aber klanglos verrauscht sind? Es ist ein Phänomen, dass sich andauernd Prophetien nicht erfüllen, die letzte für den vergangenen Mai, aber dass nachher niemand mehr davon spricht, nicht einmal kritisch und skeptisch wird, sondern dass dieselben Leute gleich neue Prophetien prophezeien und dieselben ängstlichen Geister diesen wiederum nachrennen. Seit 30 bis 40 Jahren geht das so und in wachsendem Tempo. Wer sich ein bisschen auskennt, weiss, dass die Sucht nach Endzeitprophetien in der römisch-katholischen Kirche angefangen und unglaubliche Blüten entwickelt hat, ausgehend von den Fatimaerscheinungen 1917, die vor der Häresie Russlands warnten, wohlgemerkt nicht vor der Oktoberrevolution, weil nämlich gar nicht der Kommunismus gemeint war, sondern die Orthodoxie. Dazu gibt es tatsächlich römisch-katholische Literatur von 1916, die dann nach der Revolution verschwunden ist, als sich alles um den Kommunismus als der neuen Bedrohung des Christentums insgesamt drehte.
Sollen wir diesen Unsinn von durchsichtigen Pseudoprophetien nachmachen? Oder auch einen anderen Unsinn, nämlich den des Papstes als Antichristen? Die heiligen Väter unserer Kirche kennen diese Terminologie nicht. Bei aller deutlichen Abgrenzung von Schisma und Häresie, Amtsanmaßung, erlogener Dokumente, wie etwa de sogenannten Konstantinischen Schenkung, Mord an Christen in den Kreuzzügen und schmutziger politischer Intrigen hat niemand den Papst so eschatologisch aufgewertet. Martin Luther erfand in seiner maßlosen Wut und seinem unbeherrschten Zorn den Titel des Antichristen für den Papst. Kein Grund also, seiner oft niveaulosen und unanständigen Terminologie zu folgen.
Es ist die Sprache der Demagogen, die anderen zu verunglimpfen und sich selbst als Retter darzustellen. Wie gesagt, für wen hält sich mancher, als dass von ihm die Rettung der Kirche abhinge? Das ist kleingläubig und ängstlich und zugleich eine Selbstüberschätzung. Die Seele zu retten ist unsere eigene Aufgabe. Das Bewußtsein der eigenen Sündigkeit verführt nicht zu Hochmut und Selbstüberschätzung.
Oikonomia
Was aber, wenn jemand den Eindruck hat, Mitchristen oder auch Kleriker würden die Kanones der Kirche brechen? Eine legitime, aber auch schwierige Frage. Der Spielraum der Oikonomia der Kirche ist oft größer als wir ahnen. Denken wir nur an Paulus in der Frage des Götzenopferfleisches, wo er eine fast skandaliserende Großzügigkeit an den Tag legte, aber mit der Bruderliebe auch dem Schwachen gegenüber einen fundamentalen Maßstab legte (1Kor 10,25ff.). Doch ist Oikonomia keineswegs eine Aufweichung oder Schwächung der kirchlichen Ordnung. Sie ist die konkrete Anwendung der Gesetze an die jeweilige Situation. Und der größte Oikonom ist Gott selbst, der in seiner Großzügigkeit nicht nach seinen Gesetzen verurteilt, denn dann würde niemand als gerecht empfunden vor ihm, sondern in unendlicher Liebe den Verlorenen Sohn annimmt, den Zöllner erhört, die Hure umarmt und die Bettler zum Hochzeitsmahl läd. Für die Pharisäer ein Skandal, da sie sich ja für die perfekte Verkörperung des Gesetzes Gottes, also sich für unfehlbare Päpste des Gesetzes hielten. Wen wollen die Kritiker nachahmen: Die Pharisäer oder den himmlischen Vater?, wohlgemerkt im ständigen Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit. Die Kirche als Hüter der heiligen Tradition, die die Gesetze der Kirche bewahrt, ist verpflichtet, wie Gott ökonomisch zu handeln, die Kanones zum Heil der Seelen an die jeweilige Gegebenheit mit Diakrisis anzupassen und so zur Rettung der Seelen anzuwenden.
Es mag auch wirkliche und eindeutige Überschreitungen der Grenzen der Oikonomia und entsprechend berechtigte Kritik geben. Aber wie oft wird vom bloßen Augenschein oder von Photographien auf Gegebenheiten ohne genaue Hintergrundkenntnisse geschlossen. Vor allem wird bei vielen Vorwürfen gegenüber ökumenischen Veranstaltungen übersehen, dass die orthodoxen Kleriker keineswegs liturgisch gekleidet sind, und sondern in normaler öffentlicher Kleidung auftreten. Oft genug werden die orthodoxen Teilnehmer auch überfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt und in von ihnen nicht verantworteten Veranstaltungen instrumentalisiert. Dann sollte man mit ihnen eher Mitleid haben, dass so mit ihnen umgegangen wird und dass sie sich opfern müssen. Hat man jemals gehört, dass irgendein Hierarch die Gläubigen dazu aufgefordert hätte, zu denselben ökumenischen Veranstaltungen zu eilen? Mag der Preis manchmal hoch erscheinen, aber sie tun es für die Kirche und zum Besten der Kirche in fremder verschiedenkonfessionellen und manchmal feindlich-säkularer Umgebung, hoffentlich „klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (Mt 10,16). Sowohl die Kirchen im Kommunismus als auch und gerade das Ökumenische Patriarchat in den Jahrhunderten osmanischer und türkischer Fremdherrschaft sowie auch die anderen orientalischen Patriarchate wissen um das Überleben mit Kompromissen, ohne die Orthodoxie zu verlieren. Auch der heilige Martyrerpatriarch Grigorios V. hat seinen Tribut an die Hohe Pforte zahlen müssen und war selbst nur mit muslimischer Anerkennung in sein Amt gekommen. Patriarch Gennadios wurde sogar direkt von Mechmet dem Eroberer in sein Patriarchenamt eingesetzt.
Ungetrübte Freude
Ein jüngstes Beispiel einer vergiftenden Kritisiererei sei zum Schluss genannt. Die gesamte orthodoxe Welt freut sich über die Aufnahme des seligen Paisios des Agioriten in das Synaxarion der Heiligen und ist glücklich über die Entscheidung der patriarchalen Synode. Die griechische Zeitung „Orthodoxos Typos“, die sich als besondere Wächterin der Orthodoxie versteht, beginnt aber die Meldung über dieses Ereignis nicht mit der freudigen Mitteilung, sondern nach dem einzigen Wort „Endlich.“ mit einer ausführlichen Kritik des Patriarchen, warum er die Heiligsprechung angeblich wegen seines Treffens mit Papst Franziskus in Jerusalem bislang verzögert und verhindert habe. Blanker Unsinn, wenn man weiß, wie sehr Patriarch Bartholomaios des Seligen liebt und auch zur Hebung seiner Gebeine persönlich kommen will.
Aber abgesehen davon muß gesagt werden, dass es weder der Orthodoxie noch dem Glauben noch dem Ansehen nützt, wenn alles Schöne und Erfreuliche unserer Kirche mit Kritik, Negativem oder sogar Skandalen garniert und einrahmt wird. Die Orthodoxe Kirche Christi freut sich ungetrübt und ohne Schatten. Und da braucht es keine besserwisserischen Papisten.