Böse Mächte

von p. Martinos Petzolt

„Pater, kannst Du mir ein Gebet gegen vaskania lesen? Ich habe so schlechte Träume und dauernd geht etwas schief. Ich glaube, meine Tante in Griechenland macht mir Magie …“, werde ich oft gefragt. „Selbstverständlich lese ich Dir ein Gebet, aber sei mal vorsichtig, Deine Tante zu beschuldigen, solange Du keine sicheren Beweise hast“, muss ich dann antworten. Oft geht der Dialog dann aber weiter: „Gibt es denn so etwas wirklich? Kann mir jemand etwas Böses wünschen oder tun? Oder ist das alles nur Einbildung? Wenn ich ständig schlechte Träume habe, gar Stimmen höre oder mir offensichtlich dauernd Schlechtes widerfährt, bin ich dann vielleicht sogar verrückt?“

Träume

Doch zunächst sollte man die verschiedenen Phänomene sortieren und unterscheiden, weil sie völlig verschiedener Natur sind. Da gibt es zunächst einmal die Träume, von denen viele geplagt werden. Dafür ist niemand schuldig zu sprechen, und bevor jemand einen Schuldigen außerhalb von sich sucht, sollte jeder einmal selbst reflektieren, mit welchen Bildern er seinen Kopf tagsüber und am Abend vor dem Zubettgehen füllt. Denn in der Nacht, insbesondere auch in den Träumen, versucht das Gehirn sich zu erholen, die Erlebnisse zu verarbeiten und die Bilder zu sortieren und aufzuräumen, mit denen es tagsüber gefüllt wurde. In diesen natürlichen und notwendigen Prozess können wir nicht eingreifen und sind dafür auch nicht verantwortlich, auch wenn die Träume schrecklich oder schmutzig sein sollten. Auch wenn man manchmal von sündhaften Träumen spricht, im Traum kann ein Mensch aber gar nicht sündigen, weil er ja nichts bewusst tut und nicht einmal den sündigen Gedanken zustimmen oder sie stoppen kann. Wofür aber jeder verantwortlich ist, sind die Bilder, die sündigen Gedanken, Vorstellungen, Fantasien und auch Taten, mit denen ein Jeder sich tagsüber beschäftigt. Ein Mönch, der mit dem Gebet auf den Lippen, im Geist und im Herzen aufwacht und zu Bett geht, und nicht von den Reizen, denen man in der Welt ausgesetzt ist, geplagt wird, wird eher den Heiligen im Traum begegnen, mit denen er sich auch tagsüber beschäftigt hat, als jemand, der sich nur mit unheiligen Dingen umgibt und beschäftigt. Mir hat allerdings ein Mönch erzählt, dass er von seinem sündhaften Leben, das er vor seiner Mönchsweihe in der Welt gelebt hat, auch noch nach vielen Jahren in jeder Nacht heimgesucht wird. Und natürlich kann Gott solche Versuchungen auch beim heiligsten Asketen und auch bei uns Weltmenschen zulassen, um zu erproben, ob wir vielleicht am Tag diesen Traumbildern der Nacht auch in der realen Welt weiter und bewusst nachgehen und vielleicht durch die Bilder angestachelt und getrieben schließlich zur sündigen Tat schreiten. In jedem Fall aber ist es wichtig, da wir die Träume, wenn sie vor unseren inneren Augen ablaufen, nicht direkt beeinflussen können, dass wir uns im bewussten Zustand am Tage vor unreinen Bildern und Fantasien schützen und unseren Geist auf heilige Dinge lenken und vom Heiligen Geist füllen lassen.

Vor allem bei Kindern, die unruhig schlafen und schlecht träumen, sollten die Eltern überprüfen, welche Filme und Fernsehsendungen die Kinder schauen, wie lange und wie spät. Auch scheinbar harmlose Filme können die Fantasie der Kinder sehr beschäftigen und unruhige Nächte verursachen. Vor allem das Bild- und Szenentempo der Filme ist meist sehr hoch, die Blitze und Lichter und auch die dramatische Musik stellen eine hohe Belastung der kindlichen Fantasie dar. Welch ein Unterschied ist es, wenn Kinder nicht nach einem bis zur letzten Sekunde spannenden Film zu Bett gehen, sondern mit den Eltern beten, sich bekreuzigen, eine Ikone küssen und bei einer von den Eltern ruhig vorgelesenenGutenachtgeschichte langsam einschlummern, die Stimme der vertrauten und geliebten Eltern im Ohr. Wenn die Kinder freilich tagsüber ständig heftige Streitigkeiten des Ehepaares miterleben, zwischen den Parteien hin- und hergerissen sind, vielleicht sogar von der jeweiligen Partei für ihre Zwecke benutzt werden, wenn sie Angst um den Verlust der Eltern oder ihrer Liebe spüren, welche Träume werden sie dann in der Nacht haben? Da brauchen wir nicht nach Dämonen oder Verfluchungen suchen, wo wir selber die direkte Ursache sind.

Unsichtbares

Das alles bedeutet nicht, dass es nicht tatsächlich auch dämonische Einflüsse und Angriffe gibt. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir von Gott, dem Vater, dem Allherrscher, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Doch jetzt kommt das Entscheidende: Er ist der Schöpfer „alles Sichtbaren und Unsichtbaren“. Es gibt keine doppelte Schöpfung und auch nicht zwei Welten, aber in diesem einen Kosmos des Himmels und der Erde gibt es Sichtbares und Unsichtbares, und zwar sowohl im Himmel wie auf der Erde. Die Schöpfung ist nicht sortiert, dass das Unsichtbare im Himmel und das Sichtbare auf Erden sei, denn am Himmel stehen die Sterne und auf der Erde hat jedes Ding eine Gestalt, hat jeder Mensch eine Geistseele und einen Geist, gibt es geistige Phänomene, Bilder, Ideen, Kunst, die uns offenbaren, dass es mehr als nur sichtbare Materie gibt, aber auch eine geistige Welt und zwar hier auf der Erde, die freilich mit der Materie verbunden ist, sie prägt und sich in ihr verwirklicht.

Engel

Außerdem gibt es außer den Menschen, die geistleibliche Wesen sind, auch rein geistige Geschöpfe, die Engel. So wie es gute und böse Menschen gibt, gibt es auch gute und böse geistige Geschöpfe. So wie jeder Mensch frei entscheiden kann, ob er für oder gegen Gott ist, hat Gott auch den geistigen Wesen die Freiheit gegeben, sich für oder gegen ihn zu entscheiden, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen ein Leben lang Zeit haben, ihre Entscheidung zu fällen oder auch zu verändern bis zum letzten Augenblick, die Engel dagegen nur einen einzigen Augenblick. Denn als Geistwesen leben sie nicht im Raumzeitkontinuum und können deshalb auch nur unmittelbar, aber nicht in einem zeitlichen Prozess ihre Entscheidung fällen, verwerfen, verändern. Der Mensch aber ist durch seinen Leib in Raum und Zeit gestellt und hat deshalb diese ganze Lebenszeit, die allerdings auch zu Ende geht. Gleich aber zwischen Engeln und Menschen ist die Freiheit ihres Geistes, sich für die Anbetung Gottes zu entscheiden und ihm zu dienen oder selbstverliebt sich selbst anzubeten und nur nach seinem eigenen Willen zu leben und Gott abzulehnen.

Die heiligen Väter der Kirche haben im Zentrum der Entscheidung der Engel den menschgewordenen Gott gesehen, Christus, das Ebenbild des Vaters, der Mensch geworden ist und sich seinem Bild gezeigt hat, dem Menschen, der nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen worden ist. Luzifer und seine Engelfreunde hätten vielleicht noch Gott angebetet, aber einen menschgewordenen Gott niemals. Unvorstellbar für sie, dass Gott ein in ihren Augen niederes Wesen so emporhebt und selbst Mensch wird, ja sogar am Kreuz stirbt. Dabei ist die Funktion der Engel tatsächlich das Dienen vor Gottes Thron, als seine Boten und schließlich als auch Beschützer, Begleiter und Führer der Menschen. Aber weder anbeten noch dienen wollten die Engel, die in ihrer Selbstliebe Dämonen geworden sind.

Nun haben auch die gefallenen Engel ihre natürlichen Fähigkeiten als Geistwesen nicht eingebüßt, ebensowenig wie schlechte Menschen ihre Intelligenz und Kraft. Nur setzen sie ihre Fähigkeiten nicht mehr richtig und gottgewollt ein, machen nur, was sie selbst tun wollen, arbeiten gegen Gott und verderben Gottes gute Schöpfung. Auch hier handeln Engel im Prinzip nicht anders als Menschen, die auch für oder gegen Gott und seine gute Schöpfung wirken. Die Dämonen dienen nun nicht mehr Gott und den Menschen, sondern handeln gegen sie, mit den selben Fähigkeiten, die die guten Engel haben und mit der Zulassung Gottes, der in seiner Liebe die Freiheit eines jeden Geschöpfes achtet. So wie Engel den Menschen führen, so ver-führen nun die gefallenen Engel denselben Menschen.

Vaskania

Und so wie wir im Gebet die guten Engel um Hilfe bitten können, so können schlechte Menschen auch die Dämonen herbeirufen, zu versuchen, zu verwirren, zu schaden. Damit sind wir bei der Vaskania, der Verwünschung, der Verfluchung, des Unsegens, angekommen. Im Gebet können wir die Engel und Heiligen bitten, uns zu segnen und uns ihre Hilfe zukommen zu lassen, in der Verfluchung können schlechte Menschen die Un-Engel, die gefallenen Engel, die Dämonen bitten, ihre Fähigkeiten zur Störung und Zerstörung einzusetzen.

Das Gebet der Vaskania, gegen das „böse Auge“, gegen die Verwünschung, gegen den Fluch löst diese Verbindungen zu den dunklen Mächten durch die Kraft des Kreuzes und die Hilfe der guten Engel, der Heiligen und Gottes selbst. Deshalb braucht ein Gläubiger auch keine Angst haben. Als getaufter Christ ist er im Prinzip geschützt, in der Taufe wurden durch die Exozismen alle Dämonen vertrieben, und er wurde ein Kind Gottes. Er wurde immunisiert gegen alles Böse. Freilich bekommt das Immunsystem im Laufe der Zeit Löcher durch unsere Sünden. Doch bietet die Kirche alle Heilmittel der Therapie und Gesundung, vor allem das Sakrament der Beichte, das das beschädigte Immunsystem wieder repariert. Die Frage ist nur, ob wir diese Therapien der Kirche annehmen und die notwendige geistliche Medizin regelmäßig nehmen.

Heilung

Das Verhältnis zwischen den dunklen Mächten und der göttlichen Herrlichkeit und Wirklichkeit ist aber nicht symmetrisch. Der Mensch steht nicht eingeklemmt zwischen Mächten, die mit ihm spielen und denen er ausgeliefert ist. Das ist eine alte Häresie, die die Kirche immer wieder verurteilt hat. Im Segensgebet wird zitiert: „Der Herr ist mein Helfer und ich fürchte nichts, was Menschen mir auch antun könnten“, und weiter: „Ich fürchte nichts Böses, denn du bist bei mir; denn du bist mein Gott, meine Stärke, Mächtiger, Fürst des Friedens, Vater des kommenden Äons“.

Der Priester kann nur wie ein Arzt helfen und die geistlichen Medikamente bereitstellen und empfehlen. Es hängt letztlich vom Gläubigen selbst ab, ob er sich eindeutig auf die Seite Gottes stellt, oder doch mit den dunklen Mächten liebäugelt. Wer sich zur Sicherheit ein Auge in einem blauen Glasstein ins Auto oder an die Halskette hängt, statt ein Kreuz, stellt sich auf die falsche Seite und vertraut den falschen Mächten. Auch ein Arzt kann einen Patienten nicht heilen, der lieber einem Schamanen vertraut und statt der Tabletten sich mit Schlamm einreibt oder merkwürdige Kräuter raucht. Stellen wir uns aber unter das Kreuz, das alle Macht hat im Himmel und auf der Erde, nehmen wir am Leben der Kirche teil, an den Gottesdiensten und Sakramenten, dann fürchten wir nichts, denn Gott ist mit uns.