Die Nacht ist zu Ende
Gedanken zum Titelbild

von p. Martinos Petzolt

Weihnachten beeinhaltet schon im deutschen Wort die „Nacht“, obwohl es im Griechischen einfach Christgeburt heißt. Im Westen ist Weihnachten wie kein anderes Fest von der Nacht geprägt. Tatsächlich gibt es im Lukasevangelium die konkrete Zeitangabe der Nachtwache, zu der ein Engel des Herren den Hirten auf dem Feld die Geburt Christi verkündete (2,8). Die Kirche, genau genommen die Kirche des alten Westroms hat im 5. Jahrhundert das Geburtsfest Christi auf die Sonnenwende im Winter gelegt, wenn die Nächte am längsten und die Tage am kürzesten sind und die Dunkelheit das tagtägliche Empfinden beherrscht. (Dass das heute nicht mehr mit den astronomischen Gegebenheiten übereinstimmt, liegt an kalendarischen Verschiebungen im Laufe der Jahrhunderte). Das passt genau zur Geburt des heiligen Täufers und Vorläufers Johannes zur Sommersonnenwende, da seine Mutter Elisabeth bei der Verkündigung des Engels an die Gottesmutter im 6. Monat war (Lk 1,36). Als würde Johannes auf den Sonnenzyklus anspielen, sagte er über den Herrn: „Jener muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Schließlich war er ja „nicht selbst das Licht; er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht“, (Joh 1,8), wie der Johannesprolog im Evangelium der Pas’chaliturgie erkündet. Das Buch der Weisheit prophezeit: „Als tiefes Schweigen das All umfangen hielt und die Nacht die Mitte ihres Weges erreicht hatte, da sprang dein allmächtiges Wort wie ein starker Krieger vom königlichen Thron herab in den Kampf“ (Weish 18,14).

Die Hirten mußten sich wohl die Augen reiben, als der Engel erschien, doch nicht wegen der Störung der Nachtwache, sondern wegen der Überraschung und der entsprechenden Furcht. Doch liefen sie „eilends“ zur Höhle um zu schauen und zu glauben. Ohne es zu wissen, verhielten die Hirten sich so, wie der Herr es von den Seinen erwartet: „Wacht also; denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob abends oder um Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder frühmorgens“ (Mk 13,34).

Die erste Ankunft des Herrn als Mensch in Bethlehem und die zweite Ankunft des Herrschers wiederum als Mensch am Ende der Tage sind durchaus parallel zu sehen. Die Ankunft des Herrn ist immer überraschend, jedenfalls für diejenigen, die ihn nicht erwarten. Doch die ihn lieben und auf ihn hoffen, werden sich freuen über seine Ankunft, auf die Theophanie. Doch geht der Blick nicht nur zurück in die Vergangenheit zur Wende der Zeiten. Die Haltung des Wartens sollte jeder Christ jederzeit haben. Denn das Warten auf Weihnachten ist zugleich ein Warten auf die Wiederkunft des Menschgewordenen, der seine menschliche Natur auch in der Himmelfahrt nicht abgelegt hat, nun im Vollalter des Herrschers über Alles.

Das Bild der Nacht hat am eindringlichsten der Evangelist Johannes ausgedeutet: In die durch die Sünde verfinsterte Welt kommt das Licht (Johannesprolog). Schon zu Beginn der Schöpfung wird vom Licht gesprochen. Es ist die erste Schöpfungstat Gottes. Das Licht ist noch vor den einzelnen Leuchten Sonne, Mond und Sterne am Himmel entstanden (Gen 1,3). Doch die Sünde hat Verfinsterung, Dunkelheit und Tod gebracht. Die erste Sündentat im Paradies geschah, bevor Gott beim Anbruch des Abends im Garten spazierenging, und Adam und Eva versteckten sich im Schatten der Bäume, weil sie das Licht scheuten. Den Menschensohn in der Nacht zu verraten und auszuliefern war keine geringere Tat, die ebenfalls das Licht scheute. Johannes schreibt, als Judas den Abendmahlssaal verließ, lapidar: „Es war Nacht“ (13,30). Und als Jesus starb, verfinsterte sich, wie die anderen Evangelisten betonen, sogar die Sonne zur Nacht mitten am Tag. Deshalb hat die Nacht keinen Wert an sich und ist auch überhaupt nichts romantisches, sondern die Überwindung der Nacht durch das Licht ist das Ziel. Der hl. Porphyrios erklärt, dass die Schwärze der Nacht schon durch ein kleines Licht überwunden wird, und der hl. Paisios beschreibt immer wieder die Wichtigkeit der Agrypnien, des Betens in der Nacht.

Licht kündigt die Menschwerdung an. Moses prophezeit in seinem vierten Buch: „Aufgehen wird ein Stern aus Jakob“ (Num 24,17). Durch einen Stern wird dieser Stern Jakobs angekündigt. „Seinen“ Stern, heißt es bei Matthäus (2,2) haben die Magier aufgehen sehen, der sie nach Bethlehem führte. Der selber das Licht ist, wird auch durch ein Licht angezeigt. So wie Matthäus, der die ausländischen Sterndeuter zur Krippe kommen sieht, stellt auch Lukas klar, dass das messianische Licht nicht für das Volk Israel exklusiv ist. Nach dem Hymnus des greisen Simeon im Tempel bei der Darstellung des Herrn im Tempel kommen Herrlichkeit und Ehre dem Volk des Gottesbundes zu, in dem das Licht in der Menschwerdung Wohnung nimmt, doch Offenbarung und Erleuchtung ist es für die Heidenvölker: „Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,32).

Die tiefere Ausdeutung des Lichtes, das im Bild des Sternes sowohl den Menschgewordenen anzeigt als auch selbst ein Symbol des Menschgewordenen wird, gibt Lukas in dem Gesang des Zacharias. Der Vater des Täufers Johannes prophezeit: „… durch das innigste Erbarmen unseres Gottes, in dem uns heimsuchen wird der Aufgang aus der Höhe, zu erleuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1,78f.). Auffällig ist eine eigentümliche Paradoxie. Denn unter einem Aufgang des Lichtes, etwa wie die Sonne oder der Mond aufgehen, stellt man sich ein Aufsteigen aus dem Meer am östlichen Horizont zum Zenit im Süden vor, bevor dann das Sinken gegen Westen hin folgt. Im Benediktus-Hymnus des Zacharias aber kommt das aufgehende Licht, im Griechischen die morgendliche Ostsonne, aus der Höhe, von oben (Lk 1,78). Und tatsächlich. Der Vergleich der weihnachtlichen Ankunft Christi mit dem Morgenstern oder der Sonne muß hinken. Denn Christus ist kein Geschöpf, das von der Erde kommt und zu ihr zurückkehrt. Er ist auch nicht das Licht, das Gott zu Beginn der Schöpfung gemacht hat. Das alles ist nur Vorbild und Symbol des „wahren Lichtes“ (Joh 1,9). Vielmehr ist er das Licht aus der Höhe, sein Aufgang ist der Ausgang von Gott, dem Vater. Denn er ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, er ist das Licht der Welt, „das Licht des Lebens“ (Joh 8,12). Das ist Theophanie, die Erscheinung Gottes auf Erden, das ursprüngliche Fest, an dem auch die Geburt Christi mit-gefeiert wurde, an dem aber der theologische Blick über das Geburtsfest hinausreicht zur Manifestation des Sohnes Gottes, der in die Welt eingetreten ist, die menschliche Natur angenommen hat und sogar in die Tiefe der Wasser stieg und die ganze Natur geheiligt hat.

Das Licht in der Nacht charakterisiert jede Weihnachtsdarstellung und jede Vorstellung von Weihnachten. Doch ist das leuchtende Kind in der Krippe inmitten der dunklen Höhle von Bethlehem, auf der der Stern stehenbleibt, gewissermaßen nur die Mitte des Heilshandeln Gottes. Die Schöpfung des Lichtes am Anfang der Zeiten, als alles dunkel, wüst und leer war, ist das Vorbild und die Vorbereitung auf die Menschwerdung in der Fülle der Zeit. In der Mitte steht das Geheinmis der Inkarnation: „Als aber die Zeit erfüllt war, wandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4). Zu ihn kommen die Völker, zunächst die Hirten und dann auch die fremden Könige mit ihrer Pracht. Der Zielpunkt aber ist die Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeiten. Dann kommt die neue Stadt, das neue Jerusalem vom Himmel her. „Und die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Die Völker werden in diesem Licht einhergehen, und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt bringen“ (Apk 21,23f.).